11. December 2006
by miss sophie
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Derzeit sind sie in aller Munde: die Praktikanten. Fast bin ich geneigt zu fragen, ob es sich denn hierbei um ein neues Berufsbild handelt. Doch Scherz beiseite. Die derzeit laufende Diskussion um die unsichere und – marxistisch gesprochen – ausbeuterische Lage der Praktikanten ist nur die Spitze eines Eisberges, in der ganz grundlegend die Definition der Arbeitsanforderungen reformuliert wird.
In Zeiten, in denen sich viele Chefmanager dem Diktat des “Sparen, sparen, sparen” unterwerfen, wird die menschliche Arbeitskraft wieder zur Leistungsmaschine degradiert und der einstmals positiv besetzte Begriff der Human Resource auf den zweiten Teil der Quelle reduziert. Als ob es irgendwo auf dieser Welt eine unerschöpfliche Quelle gäbe.
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den USA einen sog. Wissenschaftler, der sich mit der Optimierung von Produktionsabläufen unter dem Motto des Scientific Managment befasste: Frederick W. Taylor. Das von ihm entworfene Konzept, welches als Taylorismus in die Welt ging, sah im Kern eine bis ins Kleinste vorgenommene Teilung der Arbeitsschritte mit dem Ziel der vollkommenen Routine vor. Für die praktische Anwendung hat Taylor den Fabrikbesitzern überdies ein Experiment vorgeführt, welches optimale Bewegungsabläufe feststellen sollte. Einige Arbeiter wurden herangenommen und an ihnen die Belastbarkeit getestet. Die Ergebnisse wurden sodann als Vorgaben für alle Arbeiter proklamiert. Problem: Taylor nahm hierfür die körperlich stärksten Arbeiter. (Einen guten Überblick hierzu geben Kieser und Ebers in ihrem Band “Organisationstheorien”)
Taylors Ansatz erlebte nur einen kurzen Siegeszug in der Wirtschaft: Henry Ford hat bei der Produktion des T-Modells dieses Prinzip der Arbeitsorganisation angewandt, was als Fordismus in die Geschichtsbücher der BWL und Soziologie einging. (Siehe auch hierzu Kieser/ Ebers.) Nach massiven Protesten seitens der Arbeiter wurde die Personalplanung durch die Human-Relations-Bewegung (Wikipedia bietet leider nur sehr wenig hierzu) abgelöst.
Derzeit erlebt der Taylor´sche Ansatz bei der Planung der Arbeitsziele nun in anderer Form ein Comeback. Die seit den 80ern erstarkende Werbewirtschaft und all die Agenturen rund um
die Neuen Medien sind Vertreter. Call Center sind fast schon ein Inbegriff bei der Benennung unverhältnismäßiger Arbeitsplatzorganisation. Doch auch bei Telekommunikationsunternehmen, Verlagen, Immobilienunternehmen, Eventagenturen oder Unternehmensberatungen findet sich eine neue Qualität der Definition dessen, was ein Angestellter für “sein” Unterehmen leisten soll. Mit Ausnahme öffentlich-rechtlicher Einrichtungen scheint es mittlerweile in jeder Branche die schwarzen Schafe zu geben, die die Anforderungen an ihre Mitarbeiter in absurde Dimensionen treibt. Gemeint sind
ganz allgemein die einer Stelle zugeordneten Verantwortlichkeiten.
Auszubildende sollen vor Ihrer Ausbildung ein sechsmonatiges Praktikum absolvieren und werden bereits zu diesem Zeitpunkt mit Aufgaben betraut, die einem Projektassistenten oder gar Projektleiter zustehen. Sekretärinnen werden halbe Fondsmanager und müssen nach “internen Umstrukturierungen” zu viert dieselbe Menge an Aufgaben abarbeiten, die vorher von 7-8 Kräften bearbeitet wurden. Mitarbeiter im Outbound und Promo-Leute werden fast nur noch nach erfolgreichen Abschlüssen bezahlt. Technische Außendienstmitarbeiter sollen ihre Aufträge am Besten gleich selbst an Land ziehen und im Nachhinein auch selbst abrechnen.
All diesen Erfahrungen aus meinem privaten Umfeld ist die schleichende und manchmal sehr subtil arbeitende Übertragung der unternehmerischen Verantwortung und des unternehmerischen Risikos von oben nach unten gemein. Sicher hat jeder Mitarbeiter für die übertragenen Aufgaben die Verantwortung der Erfüllung dieser Aufgaben selbst Sorge zu tragen. Ein Teil der oben geschilderten Situationen ist auch in erster Linie bzw. an der Oberfläche der schwachen Konjunktur zuzuschreiben. Doch mir scheint, der überall benannte Wunsch nach erfüllender, selbstbestimmter Arbeit und einem Lebenskonzept, das Selbstverwirklichung zulässt, trifft immer mehr auch diejenigen, die entweder aus gutem Grund ‘kleine’ Angestellte sind oder diejenigen, die auf Grund ihres jungen Lebens noch gar nicht dazu in der Lage sind, über Wohl und Wehe ganzer Projekte zu entscheiden – samt dem finanziellen Risiko, das bei einer Unternehmung immer mit gegeben ist. Dummerweise fehlt die Vergütung für das – meist implizit – zu tragende Risiko und also für hohe Leistungen, die bei Taylor ja immerhin vorgesehen war. Stellt sich die Frage, wie lange es gut gehen kann, dass die in der Wirtschaftswelt am Anfang stehenden bzw. die in der Unternehmenshierarchie Untenstehenden Anforderungen gestellt bekommen, die bisher an entsprechend Ausgebildete (Menschen, die häufig über viele Jahre an ihren Aufgaben wachsen konnten) übertragen wurden.
Die Konsequenz aus der Übertragung der Verantwortung wäre eigentlich, dass jeder Einzelne von uns seine eigene Unternehmung startet. Oder seinen Lebensentwurf von vornherein als Patchwork anlegt und von Projekt zu Projekt hüpft. Oder als Prosumer seinen Lebensinhalt findet (näheres bei Lobo und Friebe in “Wir nennen es Arbeit”, S. 215f. und S. 275ff. bzw. in der Ecke der Virtuellen Mikroökonomie). Dann tragen wir alle ganz offen das unternehmerische Risiko für das, was wir so tagtäglich zu Stande bringen. Stellt sich wiederum nur die Frage, was dann all diejenigen machen, die das Selbständigkeits-Gen nicht in sich tragen.