die katrin

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1. December 2009
by miss sophie
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Ein Wort zu Reiseführern und Autorikshaws.

Icke bin ja grade in Bangalore. Genau, das ist das IT-Zentrum von Indien. Nun guck ich also, was ich hier so machen kann, wenn ich grade mal keine coworking spaces erkunde. Schritt No. 1: wikitravel. Spaßeshalber lese ich mir auch mal durch, was da so zu den Autorikshaws steht. Und kann mal wieder nur mit dem Kopf schütteln.

Schon für Delhi und generell für Indien steht da nämlich immer das Gleiche. Eigentlich gilt der Preis ‘per meter’, aber die Rikshawfahrer versuchen immer, mehr zu bekommen und denken sich immer viele Gründe aus, weshalb der meter-Preis jetzt grade nicht angebracht ist. Und dann steht da auf wikitravel:

Autos are supposed to charge according to the meter, and you should simply refuse to board one where the meter is faulty or the driver refuses to use it. Saying “meter please” will usually do the trick. If you are desperate to get somewhere, you should at least negotiate the fare before boarding.

Bullshit! Yes, that’s bullshit. Es ist immer gut zu wissen, wieviel Rupies je Kilometer in einer Stadt gelten und dann sollte man ausgehend davon pi mal Daumen die Strecke ausrechnen oder einen Stadtplandienst seines Vertrauens nutzen. Das ist dann die Grundlage fürs Verhandeln. Denn die Ansage lautet: Steige nie in eine Rikshaw (egal, ob Fahrrad oder Auto) ohne vorher den Preis vereinbart zu haben.

Wenn man die Strecke nicht kennt oder grade mal keinen Stadtplan/kein Internet zur Hand hat oder neu in der Stadt ist und noch gar keine Ahnung hat, dann hilft halt nur ein bisschen blind verhandeln und eben mehr als nötig bezahlen. Man merkt dann aber sehr schnell, wie hoch gegriffen einige Preise sind. Kleines Beispiel? Gestern nacht kam ich in Bangalor am Bahnhof an. Bevor ich zum Prepaid-Schalter ging, habe ich mir den Spaß gemacht und mit ein paar Rikshawwallahs gesprochen. Es fing bei 200Rs. an. Für eine 6km-Strecke gefühlt und real viel zu viel. Ich wusste schon, dass die Strecke tagsüber ca. 50Rs. kostet, im Nachttarif (+50%) also ca. 80Rs. Also sagte ich erstmal 50Rs. Und schwupps lag der Preis bei 150Rs., 120Rs. und einmal bei 100Rs. Am Prepaid-Schalter waren es dann 85Rs.

Als Ausländer zahlt man sowieso immer mehr. Und wenn man die Rupie-Beträge mal in Euro umrechnet (68Rs. für 1 EUR), dann kommt man sich auch dezent schäbig vor, jemanden auf Teufel komm raus um 30-50ct. nach unten zu verhandeln. Ich zahle auch gerne 10-30% mehr, besonders seit ich weiß, dass die Inflationsrate in Indien derzeit bei 8-10% liegt und darüber hinaus Riskhawfahrer zum ärmeren Teil der Bevölkerung zählen. Aber was ich überhaupt nicht abkann, sind Rikshawfahrer, die dreist und respektlos verhandeln. Und wenn mir jemand für ne 15Rs.-Strecke mit 50 Rs. oder sogar mehr ankommt, dann ja, lass ich den Menschen auch einfach mal stehen.

Natürlich gibt es auch die “guten” Fahrer. Die, die wirklich überlegen, wie lang eine Strecke ist und den Preis dann nur ein bisschen höher ansetzen (besagte 10-30%), weil eben der Verhandlungspart dann noch mit dazu gehört. Dafür muss man aber leider ein bisschen länger in einer Stadt bleiben, die Preise kennen und abseits der Touripfade unterwegs sein.

23. November 2009
by miss sophie
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Polizei vs. Protest. Die Lösung: Tränengas.

Bei uns an der JNU ging’s gestern abend rund. Drei große Trucks voll mit Polizisten in Schutzanzügen (mit vermutlich mind. 10 Polizisten pro Truck). An die 20 Jeeps drumrum. Tränengas und jede Menge Holzstöcker, die indische Variante des Schlagstocks. Später dann auch ein paar Ü-Wagen.

Angefangen hat es irgendwann im Laufe des Tages. Vier ehemalige Studenten wurden am Main Gate von den Security Guards angehalten, weil sie Alkohol im Auto konsumiert haben sollen. Die Herren zückten eine Waffe. Daraufhin wurde die Polizei für die vier Herren bestellt, die sodann auch verhaftet wurden. Bis die Polizei aber dazu kam, das Gelände zu verlassen, hatten sich, na ich würd mal schätzen 60-80 Studenten am Gate versammelt und ebendieses geschlossen. Wie es aussieht, haben die vier auch auf dem Campus schon Terz gemacht, inkl. Frauen belästigen. Die Studenten nun wollten, dass die Polizei die vier Verhafteten wieder rausrückt und an die Studenten übergibt. Das hat die Polizei nicht gemacht – und dazu auch eine Supreme Court order zitiert. (Ja, das Funktionieren von Rechtsstaat ist hier manchmal etwas verwirrend.) Da es sich bei den Verhafteten aber wohl um Söhne höherer Polizeibeamter handelt, war für die Studenten relativ klar, dass denen nicht das kleinste Haar gekrümmt wird. Aus der Waffe wurde im ersten Polizeibericht dann übrigens eine Spielzeugpistole. Am Ende standen sich die protestierenden Studenten und die Polizei gegenüber.

Ich habe selber nur Auszüge davon mitbekommen. Aber das alles erinnert mich doch sehr an typisches Provokationsverhalten seitens der Polizei wie es von linken Demos weithin bekannt ist. Das erste Mal bin ich am späten Nachmittag gegen 5 dort vorbei gekommen. Das erste, was ich sah, waren die erwähnten Trucks und Jeeps. Dann bog ich um die Ecke und musste das anfangen zu lachen, als ich das kleine Häuflein Studierender hinter dem Main Gate sah. Es gab fast mehr Beobachter am Rande als Protestierende selber. Trotz Auto mit eingeschlagenen Scheiben und Diskussionen zwischen Studenten und Polizisten war die Situation echt ruhig. Zu Fuß konnte auch jeder rein und raus wie mensch wollte. Das ganze ging dann wohl einige Stunden. Irgendwann haben sie nur noch Campusbewohner reingelassen. Am Main Gate wohlgemerkt. Alle anderen Tore waren weiterhin offen und wie gehabt für jeden zugänglich. Selbst der kleinere Eingang 100 Meter die Straße runter. Das war gegen 7. Vorne am Main Gate standen immer noch alle rum und haben diskutiert. Viel mehr Protestierende sind es zu dem Zeitpunkt nicht geworden. Gegen 10 kam ich das letzt Mal dran vorbei und es sah aus, wie Kraut und Rüben.

Das einzige, was die Studenten hatten, waren Steine. Und wie immer frage ich mich, warum eine Polizei bei so krasser personeller Überlegenehit hierauf mit Tränengas reagieren muss.

19. November 2009
by miss sophie
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Heute haben in Delhi die Farmer protestiert.

Und was machen die Geschäfteinhaber entlang der Demoroute? Ihre Läden dicht.

Es fing mit gesperrten Straßen und einem Fußmarsch zum Connaught Place an. Der Connaught Place, dieses Unikat britisch-kolonialerer Baukunst mit dem vermutlich größten Kreisverkehr der Welt. Erinnert ihr euch an den Tauntzien/östliches Ende des Kudamms Mitte der 1990er? Alte Läden. Ein bisschen Glamour und Teuer dazwischen. Bettler. Schulkinder mit vermeintlich zuviel Taschengeld. Zur Mittagszeit die Businessmänner aus den umliegenden Bürogebäuden. Kleine Klitschen, die mit der Erfindung des Tourismus entstanden sind und erst lange danach sterben werden. Die letzte Renovierung ein bisschen zu lange her um dem selbstauferlegten Image gerecht zu werden. Ja? Dann jetzt noch eine Prise Wüstensand in jede Ecke, die Reste ausgespuckter Betelnuss nicht vergessen, die Häuser staubweiß angemalt und ihr habt den Connaught Place (google maps, en-wikipedia).

Aber wo war ich stehen geblieben. Ach ja. Ich also ‘ne waschechte, indische Demo mitbekommen. Alles ziemlich ruhig. Die meisten Polizisten standen nur mit ihren langen Rohrstöcken am Straßenrand. Die etwas armee-iger aussehenden Staatskräfte (die Uniformen der Polizei sehen hier gerne mal nach Militär aus) standen ebenfalls nur gering bewaffnet in der Gegend rum. Sonst kein schweres Geschütz am Connaught Place.

Ich also so am Connaught Place entlang und wunder mich schon, weshalb einige Läden ihre Gatter runterlassen. Prüfender Blick in den Himmel. Nein, ist noch hell. Prüfender Blick auf die Uhr. Nein, ist noch lange hin bis Ladenschluss. Also rein in den Coffeeshop. Und während ich so auf meinen Eiskaffee warte, kommt der Türsteher (ja, hier hat jeder sich halbwegs westlich gebende Laden einen Türsteher) mit besorgtem Blick rein. Einer der Angestellten geht mit zurück zur Tür. Ich stell mich an die Theke und warte sehnsüchtig auf meinen Eiskaffee… während vorne das Gatter bis auf 1m runtergelassen wird. Schnell noch ein paar künstlich verschreckte Touristen mit Rucksack eingesammelt und schnell das “closed”-Schild aufgehangen.

Ein anderer Angestellter hat mir dann erzählt, dass die Bauern gesammelt nach Delhi gekommen seien, um mit dem Premierminister zu sprechen. Der aber keine Zeit für Gespräche mit den Demonstranten hatte. (Weil er zeitgleich ein Meeting einrichten ließ, in dem es immerhin um das Anliegen der Bauern ging. Die Bauern sind übrigens mit der Preispolitik fürs Zuckerrohr nicht zufrieden. Bei einer Inflationsrate von 14.x% auf Lebensmittel dürfte aber grade jede Politik der Welt ihre Probleme haben.) Und die umliegende Geschäftsinhaberschaft befürchtete nun also des Volkes Zorn und machte prophylaktisch gleich mal alles dicht.

Raus kam man übrigens immer. Ich hab das Geschehen dann auf der Suche nach einer Rikshaw auf mich wirken lassen. Es hatte ein bisschen was von Demotourismus, was die verbleibenden rumstehenden Menschen – vornehmlich Männer – an ihren Ecken sitzen bleiben ließ. Sie hatten alle diese Funkeln in den Augen, diese Hoffnung, dass da heute noch was passieren könnte. Und bis dahin hatten sie ihren Spaß an Menschen wie mir, die offensichtlich nach einem Weg raus suchten. Herrlicher Moment.

Ob da jetzt wirklich noch was passiert, weiß ich nicht. Mal morgen in die Zeitung gucken.

13. November 2009
by miss sophie
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India acknowledges the third gender.

Eunuchen und Transsexuelle bekommen in Zukunft auf indischen Wahlzetteln die Möglichkeit, sich als 3. Geschlecht einzutragen. Das Ganze mit ‘O’ für “Others” zu bezeichnen ist – ja, genau – unglücklich. Aber soweit ich weiß, ist die Wortfindung hierfür ähnlich schwierig wie bei “nicht mehr durstig sein”.

Meldung bei CNN: “India’s third gender gets own identity in voter rolls” (via Sabine)

2. November 2009
by miss sophie
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Mit 40…

Als ich 14 war, sah die Zukunft vor meinem inneren Auge so aus: Ich gehe in eine große Stadt, vielleicht auch ein bisschen ins Ausland. Sehe zu, dass ich eine solide Lebensgrundlage habe. Welcher Beruf? Keine Ahnung. Dann Mann und Kinder und wieder zurück in die Kleinstadt, die gleich neben der Großstadt ist.

Jetzt bin ich 28 und ich habe keinen blassen Schimmer, an welchen Ort es mich verschlagen wird. Ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass es nicht ein Ort wird, sondern mehrere. Berlin als Basis war immer klar. Aber auch das ist hier – fernab der Heimat – schon keine fundamentale Überzeugung mehr. Nur eines steht plötzlich glasklar vor mir und darf nicht wieder verschütt gehen: Mein Lebensziel. Das und nicht weniger.