die katrin

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30. October 2009
by miss sophie
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Wenn die Polizei zuviel Macht bekommt.

Im Kampf gegen Terrorismus und Unterwelt haben die indische Polizei und Armee vor vielen Jahren eine Art Immunisierung bei Tötungen im Einsatz erhalten, nämlich für sogenannte “encounter killings“. Wenn bei einem Einsatz ein Verdächtiger der Polizei “begegnet” und der Verdächtige von der Polizei erschossen wird, dann ist das vollkommen ok. Der Polizist oder Soldat braucht keine weitere Untersuchung fürchten. War ja kein Mensch, sondern nur ein Terrorist. Und irgendwie muss der Staat ja wieder Herr über Chaos und Selbstjustiz werden. Dass die Polizei dabei selbst zur Selbstjustiz wird und Menschen ohne Gerichtsverfahren tötet, ist eine gern hingenommene Nebenwirkung. Es werden ja nur die Bösen getötet.

Dass das nicht stimmt, wurde spätestens 2004 klar. Ishrat Jahan war offenbar zur falschen Zeit mit den “falschen” Menschen unterwegs und wurde erst von der Polizei gefangen genommen und nach einigen Tagen dann auf der Straße getötet. Es gibt bis heute keine Aufklärung des Falles durch die Polizei.

Aber auch unliebsame Gruppierungen und Minderheiten werden gerne als terroristisch bezeichnet, es würden auch Beweise dafür vorliegen. Das allein reicht, um Tötungen als “encounter killing” durchgehen zu lassen. Im Nachhinein gibt es keine weiteren Untersuchungen. Der Getötete ist ja tot, wozu noch der Aufwand. Polizisten werden bei Zweifeln regelmäßig durch den Staat gedeckt. Das führt zu richtiger Selbstjustiz bei den Polizisten. Dafür gibt es mittlerweile die Bezeichnung “fake encounter“.

Zum Beispiel gibt es einen immer noch unklaren Fall in Chhatisinghpora (Süd-Kashmir). Am 20. März 2000 wurde ein Massaker an 35 Sikhs verübt. Die Schützen blieben unerkannt. 5 Tage später sind Armee und Polizei durch die Stadt gezogen und haben 5 Menschen getötet. Angeblich wüsste die Armee, wer für das Massaker veranwortlich sei. Danach wurden 5 Zivilisten vermisst. Bei späteren Untersuchungen gab es Fälschungen der DNA-Resultate. Beide Seiten haben nur Indizien. Aber die meisten sprechen gegen Armee und Polizei.

Mehr zum Thema gibt es beim Frontline Magazin, Vol. 26, Issue 20.
Murders most foul
Debate on guidelines
In cold blood
`The rule of fear': R.B. Sreekumar
Interview: Nitya Ramakrishnan
End to impunity?
Interview: K.G. Kannabiran, PUCL president
Encounter killings in States
Political patronage
A police perspective

Und an dieser Stelle können wir alle mal gemeinsam darüber nachdenken, wie sich das Selbstverständnis des BKA ändern wird, wenn sie mehr und mehr Befugnisse für Tätigkeiten erhalten, die eigentlich juristische Zusage bräuchten.

27. October 2009
by miss sophie
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Die Begeisterung, geschluckt vom Relativismus.

Ich überlege grade, ob ich Indien als total klasse bezeichnen könnte. Meine Antwort geht in etwa so: “Hmmmjoaschon. So wie man halt auch jedes andere Land mit dem richtigen Blick darauf als total klasse bezeichnen kann.” ZACK. Da isse wieder. Diese fiese Mischung aus postmoderner Relativität und bloß-nicht-gegenüber-anderem-ungerecht-sein-wollen. Einzelne Städte kann ich total klasse finden. Aber ganze Länder? Und nein, selbst Städte bekommen bei genauerer Betrachtung auch immer alle ihr Fett weg. Rishikesh mit den Ashramtouris. Agra mit den Touristenstalkern. Jaipur… Na, Jaipur hat Glück. Und über Delhi hab ich mich ja schon zur Genüge ausgelassen.

Ich bin gespannt, ob meine Zynismus-beiseiteschieb-Mechanismen nochmal dazu kommen, ihre Arbeit auszuführen, und ich mich hier über etwas vorbehaltlos und wie ein kleines Kind freuen kann. Und das gilt nicht allein für Indien.

20. October 2009
by miss sophie
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“Kinder, deren Mütter schnell wieder arbeiten gehen, entwickeln sich geistig genauso schnell.”

Say What?! Es gab tatsache eine Studie in Großbritannien, die dieser Frage nachgegangen ist? Da bin ich mal ganz kurz erschüttert. Denn was bitte soll schädlich für die Entwicklung eines Kindes sein, wenn es bereits in sehr frühen Lebensjahren das Auf und Ab des sozialen Miteinanders in der Kinderkrippe erlebt?

Na dann wäre das ja auch geklärt.

13. October 2009
by miss sophie
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Do you speak English?

Ich heute bei einem Verwalter in der Uni. Er begrüßt mich mit “Hello.” Höflich wie ich bin, frage ich erstmal “Hello. D’you speak English?” “Huh? Sorry?” Zugegeben, der war etwas dahingenuschelt. Also nochmal das Ganze in klar: “Do you speak English?” “Sorry, I don’t understand.” “Ok, never mind.” Wir unterhielten uns dann weiter in akzentfrohem Englisch und bekamen alles geklärt.

12. October 2009
by miss sophie
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Badarpur Khadar. Ein ungeliebtes Kind.

Badarpur Khadar ist ein Dorf in Nordostdelhi. So sagt es “The Hindu” und auch der Stadtteilobere von Nordostdelhi fühlt sich ans das Drof gebunden. Die Elektrizitätsverwaltung von Delhi meint hingegen, Badarpur Khadar solle vom angrenzenden Bundesstaat Uttar Pradesh versorgt werden, schließlich läge das Dorf zu zwei Dritteln an der Grenzen von U.P. Nur wenn das Dorf offiziell als innerhalb der Stadtgrenzen von Delhi liegend anerkannt wird, wird hier auch Strom aus Delhi gelegt. Was die Landesoberen aus Uttar Pradesh dazu denken, wird nicht gesagt. Vermutlich behaupten sie, Badarpur Khadar liege in Delhi und sei deswegen undsoweiter.

Wir befinden uns im Jahre 2009. Das Dorf ist 300 Jahre alt. Indien ist seit 52 Jahren unabhängig. Und dennoch soll bei diesem Dorf unklar sein, zu welchem Territorium es gehört? Seit Jahrzehnten weist die Politik jegliche Verantwortung von sich. Jetzt erst wird die Aufteilung der Ländergrenzen begutachtet.
Und nein, Schwellenlandargumente ziehen hier nicht. Delhi wird Jahr um Jahr größer, weil überall gebaut und eingemeindet wird. Es ist vor allem die Mittelklasse, die davon profitiert.

Die beiden Artikel zur Situation in Badarpur Khadar:
Delhi village leads a life without power
Life in Delhi village minus music, books and TV
Und passend zur Situation hier noch ein Screenshot vom Artikel samt nebenstehendem Hinweis auf die Bildergalerien…
badarpur khadar

8. October 2009
by miss sophie
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Es ist eigenartig.

Erst der große Zusammenbruch. Dann von unerwartet-gewohnter Stelle der Tritt in den Hintern. Aufstehen, den Dreck aus dem Gesicht wischen, weitermachen.

Und nun stehe ich hier. Die Sehnsucht bringt mich fast um. Aber ich möchte nur wenige Sekunden an diesem Ort missen und keine der Erfahrungen und Erkenntnisse. Ich möchte keinen Tag später diesen Ort verlassen und wünsche mir doch jetzt schon, ich hätte mehr Zeit. Es ist eine innere Zerrissenheit.

Zerrissenheit? Ist das nicht das Wort, das alle benutzen, wenn nicht nur das Gras auf der anderen, sondern auch auf der eigenen Seite flauschig grün ist? Aber warum? Fühlt wirklich jeder diese Unvereinbarkeit? Ist es die Dichotomie-Wut des 20. Jahrhunderts, die uns zwischen alle Dinge ein “vs.” schieben lässt? Ist es die Unfähigkeit mit den Unmengen an Emotionen und Eindrücken klarzukommen?

Bei mir sind es nämlich eher Ebenen, oder mehr noch ein Salat aus Emotionen, der gerade umgerührt wird. Einmal umrühren und die Sehnsucht winkt mir zu. Nochmal umrühren und die Entdeckungsfreude kann ihr Kichern nicht zügeln. Weiter rühren und ungeahnte Formen von Wut kochen auf. Rühren und wieder hat sich die Sehnsucht auf den Löffel geschlichen und bringt diesmal ein Fähnchen zum Winken mit. Rühren und bloße Faszination erobert die Wahrnehmung.

Alles ist da. Und alles steht in einer Verbindung zueinander, die nicht ausschließend ist. Kein “vs.”, sondern ein “feat.”.

7. October 2009
by miss sophie
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toilet styles.

Wo wir grade schon bei Kuriositäten der indischen Baukunst sind, hier gleich noch ein Video zu den Varianten indischer Toilettenbaukunst:


DirektVarietäten

Aufgenommen und zusammengestellt von Paula. Auf ihrem Blog gibt’s übrigens noch viel mehr Kuriositäten zu entdecken.

7. October 2009
by miss sophie
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Handwerker in Indien.

Es klingelt an der Tür. Verwunderung macht sich breit. “Wer könnte das denn jetzt sein?” Ich öffne und zwei schon etwas betagtere Herren in Hemd und Hose stehen vor der Tür. Bei Hemd und Hose muss ich immer noch zuallererst an Beamten o.ä. denken. Das von ihnen entgegengebrachte “Plumber?” stürzt mich daher gleich in noch mehr Verwunderung. “Plumber? Plumber? Ihr seid Plumber?” Aber nein, auch die Handwerker sind hier so angezogen. “Und wozu brauchten wir gleich noch einen Handwerker?” Ach ja! Der Wasserhahn im Bad. Das Rohr ist irgendwann aus der Wand ausgebrochen. Wollte auch mal ein bisschen freischwingend das kühlende Nass in unseren Duscheimer befördern. Nicht immer nur so an der Wand befestigt. Wird auf die Dauer langweilig. Kann ich voll verstehen.

Vor ein paar Tagen also gab die Mitbewohnerin Bescheid, dass der Wasserhahn jetzt genug freischwingende Freude hatte und wieder zurück zu seinem besten Freund, der Wand, möchte. “Ja, wir müssen da erstmal einen Antrag stellen [Indisch für: jemanden beauftragen]. Das macht der Sekretär heute nachmittag. Und dann kommt der Handwerker vorbei.” Wann genau das “dann” sein würde, konnte natürlich vor der Antragstellung niemand so genau sagen. “Das geht meistens recht schnell.” Da mussten wir den Wasserhahn erstmal ein bisschen trösten, aber ich glaube, der hat das mit indischem Shanti aufgenommen. Eile mit Weile und so.

Ein paar Tage später nun war ich heute zufällig zu Hause. Angekündigt hat den Besuch der Freundewiederzusammenbringer natürlich niemand. Aber meine Tagesplanung und mein Dharma stecken sicher unter einer Decke. Für mich war meine Anwesenheit nämlich reinster Zufall, bin ich doch schon seit zwei Stunden damit beschäftigt, das Haus zu verlassen.

Nun sind sie also da, die Handwerker. Blick auf den Freischwinger. Blick auf seinen besten Freund (der vor lauter Trauer schon ein Loch in sich hinein geweint hat). Ich verzog mich wieder ins Wohnzimmer. Es machte rumms. Es machte klöng. (Indische Handwerker lieben es, auf Dingen rumzuklopfen. So wurde auch schon unser Gasherd zum Leben erweckt.) Ich schaute kurz um die Ecke, da standen sie vor der Wohnungstür und klopften auf irgendwas ein. Kurze Ruhe. Dann klopfte es lange und ausgiebig im Bad. Und nun sind die wieder vereint, die besten Freunde:

wasserhahn

Das hier ist übrigens ein wundervoller Beispiel indischer Baukunst. Das Loch in der Wand war ja schon da. Mörtel? Hamwa nich! Holz? Hamwa! ‘N metallenen Keil? Hamwa! Holz ins Loch stopfen und Keil reinkloppen. Juti!
An dieser Stelle werden gerne Wetten entgegengenommen, ab wann der Wasserhahn wieder freischwingend arbeiten möchte.

6. October 2009
by miss sophie
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Von Hausfrauen und ihren Arbeiten.

Hier in Indien sieht das auch nicht groß anders aus als in Deutschland. “Du bist den ganzen Tag zu Hause? Ach, dann kannste doch mal eben für mich…” Sagt der Mann. Sagt die Tante. Sagen alle, die in einem Büro arbeiten gehen. Sagen alle, die vergleichsweise feste Arbeitszeiten haben. Sagen alle, die Anspruch auf Urlaub haben.
Hema Vijay: The Homemaker’s Diary